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INEZ VAN LAMSWEERDE − FOTOGRAFIEN


19. NOVEMBER 1999 BIS 27. FEBRUAR 2000



Die holländische Fotografin Inez van Lamsweerde (*1963) ist durch ihre Arbeiten für kommerzielle Zeitschriften wie Vogue auch einem breiteren Publikum bekannt. In diesem Zusammenhang hat sie z. B. mit der Modedesignerin Vivienne Westwood zusammengearbeitet. Für ihr internationales Renommee sind dennoch ihre künstlerischen Arbeiten ausschlaggebend.

In den früheren Arbeiten irritiert sie den Betrachter durch verstörende fotografische Manipulationen an den menschlichen Körpern und Gesichtern. Assoziationen mit medizinischen Technologien, wie Schönheitschirurgie und Genmanipulation, aber auch Überschreitungen der Geschlechterrollen. Zu den frühen Arbeiten gehören drei Serien, die sich auf der klassische Kleinfamilie (Mann, Frau, Kind) beziehen.

So hat sie in der 1992/93 in New York entstandenen Serie "Thank you Thigh Master" weibliche Schaufensterpuppen mit Hilfe digitaler Bildbearbeitung reale menschliche Züge und Gliedmaßen gegeben. Dadurch wirken Sie seltsam unmenschlich, fast wie künstlich erschaffene "Science Fiction"-Wesen.

Die Abbildungen von Männern bilden die Grundlage für die Fotos aus der Serie "The Forrest"(1995). In der Reihe sind vier Männer-Porträts jeweils im soft-gelben Polohemd abgebildet, die durch ihre weiblichen Züge irritieren. Ihnen sind sämtliche Bartstoppeln per Bildbearbeitung entfernt, dafür haben sie ausgesprochen weibliche, lange manikürte Hände und Nägel bekommen.

Der Titel der Foto-Serie "The Final Fantasy" (1996) greift auf den Namen einer Computerspiels zurück. Für diese Bildreihe posierte ein dreijähriges Mädchen hinter Glas in klassischen Mannequinstellungen. Dem Abbild des Mädchens wurde nachträglich der Mund eines Mannes digital eingefügt. Die daraus entstehenden Bilder leben von der Spannung zwischen der natürlichen Unschuld des jungen Mädchens und den glamourösen und erwachsenen Attributen mit denen es ausgestattet wird. Die scheinbare Erotik, die das Mädchen ausstrahlt, weckt im Betrachter Abscheu und Schuldgefühl.

"The Widow" (1997) ist die erste Serie, in der Inez van Lamsweerde verstärkt weg von der digitalen Manipulation der Oberfläche der Körper hin zur "geistigen Seite der Schönheit" bewegt. Das abgebildete achtjährige Mädchen, dass an der Schwelle der Kindheit zur Pubertät steht, ist eher eine Metapher für einen Zwischenzustand, wie auch die Rolle der Witwe. Die Witwe ist eine Frau, die nach dem Verlust des Mannes den nächsten Schritt, das Leben danach in sich trägt. Sie ist liebende Frau, Trauernde und Zukunftsträgerin zugleich.

Die verschiedenen Lebensstationen und -rollen stehen auch im Mittelpunkt ihrer jüngsten Fotoreihe "Me" (ab 1998). In der immergleichen Pose, eine Art "Aufgebahrtsein", sind Portraits von Personen aller Alterstufen, vom Kind bis zur alten Frau, versammelt. Fotografie sei immer eine Projektion, so Inez van Lamsweerde; folgerichtig ist sie daher in diesen "Selbstportralts" durch die Körper und Persönlichkelten verschiedener ihr nahestehenden Personen archetypisch repräsentiert.

Parallel zur Präsentation von Inez van Lamsweerde werden zwei weitere Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlerinnen in der Nordhalle der Deichtorhallen zu sehen sein. Die amerikanische Künstlerin Andrea Zittel (*1965) konstruiert Lebensräume, in denen sie von der Kleidung bis zur Architektur die Umwelt für die jeweiligen Anforderungen gestaltet. Aus dem konzeptorientierten Werk der Hamburger Künstlerin Hanne Darboven (*1941) wird die 270 Teile umfassende bisher noch nie gezeigte Werkgruppe "Hommage a Picasso" vorgestellt, in der sie sich mit der Picasso-Rolle in der Kunst des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt.

Diese, wie auch schon vorhergehende Einzelausstellungen mit Künstlerinnen (Annie Leibovltz, Elalne Sturtevant, Cindy Sherman, Louise Bourgeois, Tina Modotti) in den Deichtorhallen, sollen nicht zuletzt auf den zunehmenden Stellenwert von Frauen in der zeitgenössischen Kunst am Ende des Millenniums hinweisen.

Ergänzt werden diese Ausstellungen durch das spektakuläre Projekt des amerikanischen Künstlers Jason Rhoades (*1965) in der südlichen Deichtorhalle (29.10.1999 -23.1.2000).