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VERONICA'S REVENGE / DIE RACHE DER VERONIKA
SAMMLUNG LAMBERT, GENF − ZEITGENÖSSISCHE FOTOGRAFIE VON MAN RAY BIS MATTHEW BARNEY


27. FEBRUAR BIS 1. JUNI 1998


Mit der Ausstellung „Veronica's Revenge" setzen die Deichtorhallen ihre Ausstellungsreihe der Präsentation internationaler, herausragender Sammlungen fort. Die Sammlung Lambert aus Genf, die nun erstmals in Deutschland präsentiert wird, liefert mit mehr als 300 Arbeiten einen einzigartigen Überblick zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie der letzten 35 Jahre.

Zum Titel: Eine mittelalterliche Legende erzählt die Geschichte der jungen Veronika, die dem zusammenbrechenden, zum Golgatha geführten Christus ihr Schweißtuch reicht, damit er sich abtrockne. Auf dem Tuch bleibt der Abdruck des Gesichts Christi erhalten: vera icon, was soviel wie ,,das wahre Bild" oder „das genaue Bild" heißt. Von der Annahme der „Echtheit" aller als wundertätig angesehenen Heiligenbilder geht jedenfalls die gesamte Tradition der byzantinischen Ikonenmalerei aus, ein Erbe Veronikas, das sich bis in die Neuzeit fortgesetzt hat.

Auch die Fotografie in ihren Anfängen pflegte den Mythos vom „treuen Abbild" der Wirklichkeit, gerieten doch die frühen Porträtaufnahmen zu „Spiegelbildern" des scheinbar verewigten, tatsächlich jedoch nur halluzinierten Lebens. Von dieser Annahme hat sich die neuere Fotografie bereits längst losgelöst. Umso mehr aber gewann gerade dieses jüngste Medium seit dem Aufbruch der Moderne einen enormen Einfluss auf die Kunst des ganzen Jahrhunderts. Von der zuerst bescheidenen Rolle als „Vermittlerin" zwischen Realität und Kunst über die „experimentelle" Phase der 20er und 50er Jahre bis zum digitalen, per Computer gesteuerten Bild zeichnet sich eine komplexe Entwicklung ab, in deren Verlauf wir Zeugen einer ungeahnten Verwandlung geworden sind. Trat die Fotografie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „passive" Nebenbuhlerin der Kunst auf, beherrscht sie zweifellos als omnipotentes Medium die gesamte „optische Kultur" von heute.

Besonders seit den 60er Jahren haben zahlreiche Künstler und Künstlerinnen in Europa und Amerika die Fotografie als Instrument der Befragung von bestehenden Wahrnehmungsmustern, des Entwirrens von optischen Täuschungen und aber auch als Mittel zur Herstellung von inszenierten, virtuellen Bildern benutzt. Die unbestreitbare Tatsache, dass es in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem wahren „Boom" der künstlerischen Fotografie gekommen ist, legt von der steigenden Bedeutung dieses Mediums ein spezifisches Zeugnis ab.

Die „Lambert Art Collection" bietet sich als hervorragendes Material für das Studium dieser Entwicklung an. Mit mehr als 300 Prints, darunter zahlreiche Inkunabeln, zeichnet die Genfer Sammlung die entscheidenden, prägenden Entwicklungslinien der künstlerischen Fotografie seit 1960 nach, wobei sie die Bedeutung einiger Pioniere wie Marcel Duchamp, Man Ray und Andy Warhol deutlich hervorhebt. Besondere Beachtung finden die „konzeptuelle" Fotografie der 70er Jahre sowie die „Postmoderne" der 80er Jahre. Die Sammlung setzt aber mit der Fotokunst der jüngsten Generation ihre dokumentarische Tätigkeit konsequent fort. Durch die sorgfältige und kenntnisreiche Auswahl ist ein Kompendium der zeitgenössischen Fotografie entstanden, das es dem Betrachter ermöglicht, nicht nur die wichtigsten Positionen kennenzulernen, sondern auch an dem kritischen und analytischen Potential dieser Kunst zu partizipieren.

In den Hamburger Deichtorhallen wird die „Lambert Art Collection" erstmals in Deutschland präsentiert. Die Ausstellung ist entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Centre d' Art Contemporain in Genf (Direktor Paolo Colombo), wo die Schau in anderer Form im vergangenen Jahr gezeigt wurde.


Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Scalo Verlag, Zürich, mit zahlreichen farbigen Abbildungen und einem umfangreichen Textteil mit Beiträgen von Jennifer Blessing, Laura Cottingham, Bice Curiger, Richard Flood, Holger Liebs, Stuart Morgan, Jeff Rian, Hripsime Visser, Jeff Wall, Neville Wakefield, Marina Warner und einem Vorwort von Zdenek Felix. Der Katalog kostet an der Kasse DM 39,80.


Künstlerinnen und Künstler:

DAVID ARMSTRONG
N0BUY0SHI ARAKI
JOHN BALDESSARI
MATTHEW BARNEY
BERND & HILLA BECHER
JOSEPH BEUYS
CHRISTIAN BOLTANSKY
MARCEL BR00DTHAERS
VIGOR BÜRGIN
JEAN-MARC BUSTAMANTE
SOPHIE CALLE
LARRY CLARK
LYNNE COHEN
GREGORY CREWDSON
WALTER DAHN
JEANNE DUNNING
BARBARA ESS
PATRICK FAIGENBAUM
PETER FISCHLI & DAVID WEISS
GÜNTHER FÖRG
MICHEL FRANCOIS
ROBERT FRANK
HAMISH FULTON
GILBERT & GEORGE
ROBERT GOBER
NAN GOLDIN
RODNEY GRAHAM
MICHAEL JOAQUIN GREY
ANDREAS GURSKY
DAMIEN HIRST
MONA HATOUM
MIKE KELLEY
ANSELM KIEFER
KAREN KNORR
JANNIS K0UNELLIS
BARBARA KRUGER
LOUISE LAWLER
ZOE LEONARD
SHERRY LEYINE
SARAH LUCAS
MAN RAY
ROBERT MAPPELTHORPE
GORDON MATTA-CLARK
PAUL McCARTHY
ALLAN McCOLLUM
McDERMOTT & McGOUGH
ANNETTE MESSAGER
DUANE MICHALS
PIETER LAURENS MOL
CATHERINE OPIE
GABRIEL OROZCO
IRVING PENN
PIERRE & GILLES
STEVEN PIPPIN
SIGMAR POLKE
RICHARD PRINCE
CHARLES RAY
GERHARD RICHTER
THOMAS RUFF
THOMAS SCHUTTE
ANDRES SERRANO
CINDY SHERMAN
LAURIE SIMMONS
KIKI SMITH
STARN TWINS
THOMAS STRUTH
HIR0SHI SUGIMOTO
WOLFGANG TILLMANS
ROSEMARIE TROCKEL
JEFF WALL
ANDY WARHOL
BOYD WEBB
WILLIAM WEGMAN
JAMES WELLING
CHRISTOPHER WOOL