ARCHIV
 

ANTON CORBIJN


1. NOVEMBER 1996 BIS 5. JANUAR 1997

 

Bei den meisten Aufnahmen von Anton Corbijn aus der Zeit nach 1977 handelt es sich um Porträts. Gleich zu Beginn seiner Karriere von der Pop- und Rockszene angezogen, konzentriert sich der in London lebende Holländer im Unterschied zu anderen Fotografen weniger auf das Atmosphärische der Bühnenauftritte als auf deren Protagonisten. Besonders die Gestalten, die Physiognomie und Mimik der im Rampenlicht agierenden Musiker und Sänger faszinieren ihn. Von Anfang an aber verflüchtigt sich in seinen Fotografien die Aura, von der seine Sujets auf der Bühne oder in den Videoclips umgeben sind, wie künstlicher Nebel. In der von Corbijn inszenierten Mischung aus Privatheit und Selbstdarstellung erscheinen die Stars "näher", man möchte sagen "menschlicher" als auf der Bühne, aber auch verletzlicher und tragischer.

Um seine Vorstellungen zu realisieren, setzt Corbijn ein vielschichtiges fotografisches Repertoire ein. Aus wechselnden Perspektiven und Blickwinkeln, mit ungewöhnlichen Ausschnitten, einer eigenwilligen Lichtregie und mit einer jeweils der Person und Situation angemessenen Nah- oder Ferneinstellung schafft der Fotograf die Voraussetzung für das adäquate Bild. So ist im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte eine Galerie von fotografischen Porträts entstanden, in der sich eine nicht geringe Anzahl von berühmten Rockmusikern und -musikerinnen, zu einem "Who's who" der heutigen Pop-Kultur reiht. Seit einigen Jahren, genauer gesagt seit dem Erscheinen seines Buches "Famouz" 1989 hat der holländische Fotograf seine Thematik erweitert. Zu den Porträts aus der Musikszene kamen Bildnisse der Persönlichkeiten aus dem Bereich des Films, Theaters, Kunstmanagements, der Literatur und Mode hinzu.

Zwischen London, seinem Hauptsitz, Amsterdam, Paris, New York und Los Angeles pausenlos unterwegs, ist Corbijn ständig auf der Suche nach geeigneten Momenten, um mit seiner Kleinbildkamera die Porträtreihe zu erweitern. Als Schallplatten-Cover und als Repros in Büchern und Magazinen haben etliche davon inzwischen einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Dabei zeigt Corbijn seine Stars nicht von ihrer populären Show-Seite. Abseits der Bühne und fernab von Glamour und Glitter entstehen eindringliche Porträts voll Intensität und Nähe. Corbijn ist bekannt dafür, dass auch unnahbare, introvertierte Stars seine Nähe suchen und es zulassen, dass seine Kamera den emotionalen Schutzwall und das populäre Image durchbricht.

Seine Porträts basieren auf Stimmungen und Gefühlen, sie halten Momente der Verletzlichkeit und der Einsamkeit fest, sie geben aber auch Raum für expressive Selbstdarstellung. Es ist kein voyeuristischer Blick, den Corbijn auf die Stars wirft; die Stars selbst sind Akteure im Spiel des Photographierens.

Corbijn weist darüber hinaus ein großes photographisches Repertoire auf. Wechselnde Perspektiven, eigenwillige Blickwinkel und ungewöhnliche Ausschnitte sind ihm ebenso wichtig wie Atmosphäre und Licht.

Bei Corbijn gibt es keine Studioleinwand, kein künstliches Umfeld, keine Spotlights. Er integriert das unmittelbare Umfeld, sei es ein Straßenzug, die Brandung des Meeres oder eine Hauswand. Der Hintergrund, das Umfeld ist bei Corbijn nicht Staffage, es gehört formal zur gesamten Komposition und inhaltlich zur Gefühlswelt, zur Atmosphäre, zum Menschen, den er porträtiert. Corbijn entwickelt auf diese Weise eine dichte und zugleich vielfältige Bildersprache.