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Stanislav Kolibal - labil - stabil

Der international profilierte Prager Bildhauer hat sich in den letzten 3 Jahrzehnten intensiv mit den Fragen nach der Dauerhaftigkeit, Stabilität und Labilität plastischer Formen beschäftigt. Die eigens für Hamburg zusammengestellte, umfangreiche Werkschau des 1925 geborenen Künstlers in der Südhalle wird mehrere großformatige plastische Arbeiten, die Kolíbal "Bauten" nennt, gemeinsam mit Zeichnungen aus der vergangenen Dekade präsentieren.

 

Kolíbals Werk ist im Westen zum ersten Mal 1970 in der Ausstellung "Between Man and Matter" anläßlich der X. Biennale von Tokyo wahrgenommen worden, wo er mit Künstlern wie Carl Andre, Daniel Buren, On Kawara, Mario Merz und Bruce Nauman gemeinsam die aktuelle Kunstszene vertrat. Die Entwicklung des plastischen Schaffens von Kolíbal nach 1970 in all seinen Veränderungen, wie sie sich bis heute zeigen, läßt sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Einige Ausstellungen wie 1973 im Salone Annunciata in Mailand, 1976 bei Marlborough in Rom, 1980 bei OK Harris in New York oder 1989 in der DAAD Galerie in Berlin haben die Arbeit von Kolíbal außerhalb seines Landes vorgestellt. Dennoch wurde sein Werk über Jahre nur marginal wahrgenommen. Die Hamburger Ausstellung versucht, dieses Defizit auszugleichen.

 

Um den Unterschied zu seinen früheren Skulpturen aus der Zeit nach 1964 zu betonen, nannte der tschechische Künstler seine neuen, in Berlin 1988 - 89 entstandenen Werke "Bauten". Damit sollte zunächst der "Modellcharakter" dieser Objekte unterstrichen werden. In diesem Titel klingt gewissermaßen die Eigenschaft aller "echten" Bauten mit, anhand eines Grundrisses, eines Plans nach klaren und nachvollziehbaren Prinzipien zur Realisierung zu gelangen. Auch die "Bauten" von Kolíbal gehen auf Zeichnungen/Grundrisse zurück. In Berlin sind mehr als 100 Bleistiftzeichnungen entstanden, von denen einige später zum Ausgangspunkt dreidimensionaler Konstruktionen wurden. Das diesen Zeichnungen zugrundeliegende Prinzip ist denkbar einfach: Durch die Aufteilung der vorhandenen Fläche mit Hilfe waagerechter oder senkrechter Linien entsteht ein Koordinatennetz, in das man Diagonalen, Dreiecke, Kreise und Halbkreise einschreiben kann. Dieses "abstrakte" Vokabular erlaubt es wie in einem Schachspiel, zwischen mehreren unterschiedlichen Varianten für das weitere Zeichnen zu wählen und somit zu neuen Resultaten zu gelangen. Korrekturen und Änderungen sind dabei keineswegs ausgeschlossen und bleiben in der finalen Zeichnung ablesbar. Indem Kolíbal bestimmte Konstellationen durch zusätzlich verstärkte Linien hervorhebt, schafft er ein klares geometrisches Schema, aus dem später ein dreidimensionaler "Bau" aus senkrecht gestellten Holz- oder Metallplatten entstehen kann.

 

In den vergangenen zehn Jahren realisierte Stanislav Kolíbal etwa 25 teilweise großformatige "Bauten". Als Material dienten ihm Holz, Eisen, Stahl und Aluminium. In einigen Fällen erscheint als zusätzliches Ausdrucksmittel Farbe, die den ursprünglichen Materialpurismus entschärft. Einige dieser Plastiken wurden in situ installiert, so "Bau XII" (1990 - 94) in der Sammlung Bogner auf dem Schloß Buchberg in Österreich, oder zur öffentlichen Aufstellung vorgeschlagen, wie "Bau XXII" (1993) vor dem Europäischen Patentamt in München.

 

Der Titel der Hamburger Ausstellung spielt auf das Begriffspaar "labil - stabil" an, dessen Gebrauch und Dialektik in Kolíbals Werk seit den frühen 60er Jahren immer wieder anzutreffen ist. So besteht die 1964 entstandene, bezeichnenderweise "Labil" benannte Skulptur aus vier losen Halbkugeln im Durchmesser von 53 cm, die so aufgestellt sind, daß sie sich mit ihren Rundungen gegenseitig berühren und somit auch stützen, potentiell jedoch auseinanderfallen können. Bereits hier hat Kolíbal das Thema "Labilität in Stabilität" als eines der Hauptthemen seiner künstlerischen Arbeit deutlich ausformuliert, um es in zahlreichen späteren Plastiken immer aufs Neue zu untersuchen.

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Texten von Zdenek Felix und Noemi Smolik. Begleitend zum Katalog wird ein Band mit ausgewählten Texten des Künstlers in deutscher Sprache.