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AutoWerke - Europäische und amerikanische Fotografie 1998 - 2000

Die umfangreiche Ausstellung zeigt Werke von zwanzig international profilierten Künstlern, die im Rahmen eines spezifischen Auftragsprojektes fotografische Arbeiten zum Thema "Automobil" geschaffen haben.

Die Fotografie als Medium und Gegenstand der künstlerischen Praxis von heute hat im Programm der Deichtorhallen seit geraumer Zeit einen festen Platz. In einer Reihe von Einzelpräsentationen und thematischen Übersichten wurden verschiedene Aspekte der Gegenwartsfotografie zur Diskussion gestellt. Mit "AutoWerke" betreten die Deichtorhallen insofern Neuland, als sie ein Projekt präsentieren, das von einem Auftraggeber thematisch mit dem Ziel eingegrenzt worden ist, ein ästhetisch anspruchsvolles und prestigebehaftetes Produkt in einen ungewöhnlichen Kontext zu stellen. Bei dem Produkt handelt es sich um das Auto der Marke BMW, der Kontext wird von den unterschiedlichen künstlerischen Strategien der Fotografie geliefert.

 

Für die Deichtorhallen bedeuten die "AutoWerke" eine willkommene Gelegenheit, Arbeiten der eingeladenen Fotografinnen und Fotografen im neuen thematischen Zusammenhang zu zeigen. Da einige dieser künstlerischen Positionen in den Deichtorhallen bereits zur Debatte gestellt wurden, ist es um so interessanter, deren Entwicklung unter einer neuen Fragestellung zu sehen.

 

Dieses in Kooperation von BMW Financial Services und den Deichtorhallen Hamburg entstandene Projekt wurde von Kuratorenteams in den USA (Christa Aboitiz, Maggie McCornick, Richard Pandiscio) und Deutschland (Jone Elissa Scherf, Dirk Snauwaert) betreut. Es zeigt verschiedenste Aspekte der Welt des Automobils. Die Inhalte, die sich in den Fotografien widerspiegeln, sind weit gefasst: Materialität und Form oder der Mythos eines Autotyps kommen ebenso zur Geltung wie der Umgang des modernen Menschen mit der durch das Automobil gewonnen Mobilität. Entstanden sind höchst eigenständige Werke, die einen Querschnitt durch die zeitgenössische Fotografie anbieten.

 

Assoziationen zu Geschwindigkeit, Beschleunigung und Technologie werden künstlerisch umgesetzt. Auch mit der Imagepolitik eines Unternehmens, seiner Werbeästhetik und seinen Vermarktungsstrategien setzen sich die Künstler auseinander. Nicht zuletzt befassen sich verschiedene Beiträge mit dem direkt an der Produktion beteiligten Menschen: dem Arbeiter, seinem Arbeitsplatz und seinen Lebensbedingungen.

 

Ebenso vielseitig und unterschiedlich wie die erarbeiteten Inhalte des Projekts sind die verwendeten fotografischen und filmischen Formen: sowohl strenge s/w Fotografie als auch serielle Farbsequenzen oder großformatige Einzelwerke und Videokunst sind in der Ausstellung vertreten. Im Umgang mit den Mechanismen des Designs, der Produktion oder der Vermarktung eines industriellen Unternehmens wie BMW beleuchten sie Aspekte, die sonst kaum sichtbar würden. Die so geschaffenen "AutoWerke" als künstlerische Visionen sind ebenso facettenreich wie eindringlich und weisen auf eine intensive und gleichsam kritische Beschäftigung mit dem Phänomen "Auto" hin.

 

Die Künstler der AutoWerke:

Die teilnehmenden Künstler des AutoWerke Projekts sind bekannt für ihre dezidierten, konzeptuellen Zugänge zum Medium der Fotografie. Sie sind bemerkenswert in ihrer Vielfalt der Arbeitsweisen, ihren kulturellen Hintergründen, ästhetische Qualitäten und ihrer politischen Analyse.

 

Der Arbeitsprozess:

Im Rahmen ihrer Arbeit bekamen die Künstler Zugang zu Hintergrundinformationen über BMW und entwickelten daraus spezifisches Interesse an Arbeitsfeldern des Konzerns. Feldstudien in allen Regionen der Welt ermöglichten die Untersuchung der sozialen Implikationen, des Designs, der Fertigung und der Logistik eines internationalen Konzerns. Im Folgenden produzierten die Künstler - jeweils frei - Arbeiten für das Ausstellungsprojekt.

 

Zu den Arbeiten:

 

Die in Videokünstlerin Heike Baranowsky, Jahrgang 1966, arbeitet seit 1995 mit tonlosen Video-Loops, die sie räumlich installiert. Dabei wird die gleiche Szene zeitversetzt mehrfach auf eine Oberfläche projiziert, wodurch die gezeigten Alltagsbilder - in ihrer hier gezeigten Arbeit "Radfahrer - Hase und Igel", 2000, ist es ein Radrennfahrer - zu einem endlosen Kontinuum verschmelzen. Eine örtliche und inhaltliche Orientierung wird bewußt aufgehoben, Raum und Zeit lösen sich in einer Bewegung des Stillstands auf.

Die Stille und der Leerlauf Baranowskys unspektakulärer Bilder beinhaltet darüber hinaus ein grundlegend kontemplatives, meditatives Moment.

Tragende Prinzipien unserer Leistungsgesellschaft wie "schneller, weiter, höher" werden, in Entsprechung zum Hochleistungssport, mit eben diesen Eigenschaften konterkariert.

 

Thomas Demand, geboren 1964, arbeitet zugleich als Fotograf und Bildhauer. Sein innovatives Bildkonzept ist dabei mit einer originären und präzisen Arbeitsweise verbunden: Vorlage seiner künstlerischen Fotografien sind Papier- und Pappmodelle, die er nach Arbeitsfotos anfertigt.

In Entsprechung zum "Denken in Modellen", Grundlage für Forschung und Entwicklung im Automobilbau, wählte Demand für die AutoWerke eine Thematik aus dem Bereich der BMW Forschungs- und Entwicklungsabteilung: ein Akustiklabor.

Demand dokumentierte diesen schalldichten Raum zunächst durch ein Arbeitsfoto, auf dessen Grundlage er in seinem Berliner Atelier ein Papiermodell in Originalgrösse nachbaute, um es sodann wiederum zu fotografieren. Der tätsächliche Laborraum wird im Diasec-Verfahren in ein abstraktes dreidimensionales Wandrelief transformiert, dessen trompe-l'oeil Wirkung nur durch irritierende Details gebrochen wird.

 

Die holländische Künstlerin Rineke Dijkstra, Jahrgang 1959, bevorzugt seit Ende der 80er Jahre in Ihren thematischen Folgen Porträts von Kindern und Jugendlichen. Ihre Modelle, meist Einzelfiguren, löst sie aus ihrem sozialen Umfeld. Dijkstras grundlegener Verzicht auf jegliche Inszenierung oder Theatralik führt zu einer befremdlichen Direktheit, in der das menschliche Subjekt, Identität jenseits der sozialen Zuweisungen, sichtbar wird.

Für die AutoWerke entschied sich Dijkstra für Porträts von Auszubildenden der gewerblich-technischen Berufsausbildung im BMW Werk München, darunter auch Teilnehmern am Ausbildungsprogramm "Euro-Azubi".

4 ausgewählte Aufnahmen wurden schließlich auf überlebensgroßes Format vergrößert. Auf der Grundlage äußerlicher Gemeinsameiten betont Dijkstra auf sehr persönliche und eindringliche Weise die jeweils individuelle Existenz.

 

Todd Eberle, Jahrgang 1963, ist einer der anerkanntesten zeitgenössischen Architekturfotografen. Innerhalb eines langwierigen Arbeitsprozesses besuchte er die zentrale Designwerkstatt des Konzerns in Kalifornien. Im Rahmen seines Aufenthalts verbrachte er drei Wochen mit den aus unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen stammenden Designern und porträtierte sowohl deren Arbeitsplätze als auch Ihre Wohnungen.

Durch die Gegenüberstellung der Arbeits- und Wohnumgebungen und ihrer durchaus ähnlichen Funktionalität stellt sich dem Betrachter die Frage, inwieweit die Designer die Gestaltungsphilosophie von BMW auch in Ihre eigene Lebenswelt übersetzt haben. Die Vermittlung der filigranen Beziehung zwischen Design und Funktionalität scheint für die Gestalter auch im Alltag Wichtigkeit zu besitzen.

 

Nina Fischer und Maroan El Sani, geboren 1965 und 1966, arbeiten gemeinsam an multimedialen Installationen, in denen Phänomene aus dem Umfeld von Geschichte und heutigem Leben in verschiedenen Medien registriert werden.

Für AutoWerke realisiert das Künstlerduo die Arbeit "Alle Wege führen nach Rom - a line made by driving".

Ausgerüstet mit einem BMW 7er und einem eingebauten satellitengesteuerten Navigationssystem, starteten sie in Rom, um von der Villa Massimo eine Fahrt zum Kollosseum zu unternehmen. Die auf einem Computerbildschirm zu verfolgende, elektronisch erfasste Fahrtstrecke entsprach nicht dem kürzesten Weg von A nach B, sondern der Linienführung eines BMW Logos.

Virtuelle Streckenzeichnung und Zeitrafferdokumentation der gesamten Fahrtstrecke bilden ein vielfältig assoziatives Beziehungsgeflecht und machen multimediale Realität auf verschiedenen Ebenen erfahrbar.

 

Noritoshi Hirakawa, Jahrgang1960, benutzt Fotografie als Instrument, um konventionelle Lebens- und Denkweisen zu hinterfragen. Für die AutoWerke konstruierte Hirakawa drei Arbeiten, jeweils in drei Panelen, auf Long Island, in Bangkok und in Berlin. Die Spannung dieser sehr erzählerischen Werke entsteht durch die Gegenüberstellung von Charakteren und einer Serie von BMW Fahrzeugen, darunter ein Cabrio, ein Motorrad und einen Sportwagen. In den subtil erotischen Tryptichen setzt Hirakawa die BMW Fahrzeuge als Katalysator für Szenarien ein, welche die Grenzen zwischen Traum und Alltag, zwischen öffentlichem Leben und zwischenmenschlicher Intimität verschwimmen lassen.

 

Für das Projekt AutoWerke fotografierte Candida Höfer, Jahrgang 1944, augewählte Innenräume in den industriellen Produktionsstätten von BMW. Ihre Serie zeigt unmanipulierte, authentische Räume in den Werkhallen des Stammwerks in München. Höfer vermittelt Einblicke in verschiedene, großräumige, architektonisch klar gegliederte sowie klinisch-saubere Maschinenhallen. Die Aufnahmen zeugen von einer makellos geordneten Industriewelt, die in den Bildern von Höfer eine neue, eigenständige Ausstrahlung verleihen.

Obwohl in der Realität mehr als zehntausend Mitarbeiter hier beschäftigt sind, deutet die Künstlerin Ihre Anwesenheit nur mittelbar an. Gerade die Abwesenheit bewirkt, dass die Spuren menschlichen Organisationswillens umso stärker ins Bild treten: räumliche Details werden zu bedeutungsvollen Zeichen.

Candida Höfer abstrahiert in ihren Fotografien industrielle Fertigungsprozesse und findet zu einer zeitlos ästhetischen Ausdrucksform.

 

In ihrer Zusammenarbeit hinterfragen Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin unter anderem die traditionellen Grenze zwischen "Mode-" und "Kunstfotografie". In der Benutzung von sowohl althergebrachten, wie auch computerunterstützten Techniken machen sie keinen Unterschied zwischen Bildern, die sie für Mode- und Zeitgeistmagazine oder für ein Ausstellungsumfeld schaffen. Die gezeigten Cibachromes opfern Fokus und Detail dem Festhalten des visuellen Erlebnisses der Geschwindigkeit, wobei Lambsweerde & Matadin Aspekte der retinalen Erfahrung bei der schnellen Fahrt in einem BMW eingefangen haben.

Jedes Werk besteht aus drei montierten Motiven, die Referenzen zur Bildsprache des Kinos und des Fernsehens aufweisen. Lambsweerde und Matadin demonstrieren ein Ereignis, das sowohl Teil des Alltags, als auch fester Bestandteil der visuellen Codes der Populärkultur ist.

 

Glenn Ligon, geboren 1960, ist bekannt für seine oftmals sehr persönliche künstlerische Reflexion der heutigen afro-amerikanischen Identität. Er näherte sich dem AutoWerke Projekt aus der Perspektive seiner Erfahrung als Sohn eines Arbeiters in der Automobilindustrie. Wie in einer Offenlegung eigener Wurzeln fotografierte und interviewte er afro-amerikanische Arbeiter der BMW Niederlassung in South Carolina. Die enstandenen vielteiligen Arbeiten bestehen aus Fotografien und Interviewtexten. Sie zeigen eine Arbeitsumgebung, die, obwohl effizent, dennoch nicht unpersönlich ist.

Die einfühlsamen Darstellungen der Arbeiter in Ihrer Umgebung dokumentieren auch einen Identifikationsprozess zwischen Künstlern und den Porträtierten.

 

Auch Sharon Lockhart setzt in Ihren stringent komponierten s/w Aufnahmen den Fokus auf Mitglieder der Belegschaften aus Mexiko, Deutschland und den USA und deren Kontexte und reflektiert dabei stets die eingesetzten Strategien der Bildkomposition. Die vorgegebenen architektonischen Arbeitsräume in den drei BMW Werken nutzt sie, um markierte, abgegrenzte Arbeitsflächen als Bühne für ihre fotografische Inszenierung einzusetzen. Arbeiter der jeweiligen Fabriken unterbrachen Ihre Aufgabe für eine kurze Weile, um für Lockhart zu posieren. Auf diese Weise untersucht die Künstlerin die strukturelle Beziehung zwischen Arbeiter und Arbeitsplatz, Person und Ort. Die Fotografie rahmt ein Subjekt. Dieser Prozeß der Rahmung ist es, der in Lockharts Arbeiten deutlich wird.

 

Der ukrainische Künstler Boris Michailov, geboren 1938, setzt sich in seinen Werken zentral mit den sozialen Verhältnissen und Lebensbedingungen in seiner Heimat auseinander, wobei er um die Synthese einer politischen Aussage mit einer aus dem Privaten bemüht ist, so dass die Entstehungsorte seiner Fotoarbeiten historische und autobiografische Bedeutung besitzen.

Für Autowerke realisierte Michailov in s/w - Aufnahmen den 22-teiligen Fotoroman "BMW (My old story) - The line in my brand". Private Kindheitserinnerungen vermischt Michailov auf groteske Weise mit vielfältigen stereotypen Bildern der sozialistischen Utopie. In diesem Panoptikum der (Pseudo-) Erinnerungen taucht plötzlich ein altes, reparaturbedürftiges Motorrad und mit ihm ein neuer Traum auf: einmal eine Fahrt mit einem BMW Motorrad zu erleben.

 

Johannes Muggenthaler, geboren 1955, verbindet inszenierte Fotografie in einem Zusammenspiel von Fiktion und Realität auf poetische Weise mit Aspekten der seriellen und dokumentarischen Reportagefotografie.

Auf der historischen Mille Miglia Rennstrecke Brescia-Adria-Rom-Brescia konnte BMW zwischen 1936 und 1940 zahlreiche Siege mit dem legendären BMW 328 erringen.

Für die AutoWerke fuhr Muggenthaler die Strecke nach und entwickelte in seiner 10-teiligen Fotoserie eine "real-fiktive" Geschichte mit erzählerischen und filmischen Charakter, in der ein historisches Ereignis aus der Unternehmensgeschichte auf eine fiktionale, mythische Ebene überführt wird: Muggenthaler läßt einen BMW Fahrer in Richtung der legendären Rennstrecke blicken. Diese gliedert sich in sieben dokumentarische Straßen-Fotografien der Fahrt von Brescia gen Süden.

Das Fahrzeug selber bleibt stets im Verborgenen. Die Fotografien bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Dokumentation und Inszenierung, Realität und Fiktion.

 

Catherine Opie, Jahrgang 1961, verbindet in ihren Aufnahmen die Tendenz zu einer klinischen Objektivität und geradezu archäologischer Klassifikation mit einem durchdringenden politischen Blick. Sie produzierte eine Serie s/w Fotografien, die zu einer architektonisch anmutenden Form arrangiert sind. Neun von diesen Aufnahmen stammen aus dem Inneren der Münchener Fabrik, drei sind von der nahe gelegenen Autobahn. Gekrönt vom ikonischen BMW Emblem der Los Angeles Verkaufsniederlassung verstärken sich die abgebildeten Motive in der Form der Zusammenstellung der Abbildungen. Auf diese Weise wird eine Spannung zwischen der augenscheinlichen Realität des Motivs und der Wirklichkeit, die unter der Oberfläche zu finden ist, erzeugt.

Die Benutzung des BMW Logos erfolgt bei als Opie verschmitzter Komentar zur Bedeutung des Firmenemblems als Zeichen für hohe Qualität und Luxus in unserer Kultur.

 

Ursula Rogg, geboren 1965, arbeitet mit seriell angelegten Farbfotografien, in denen sie künstlich geschaffene Szenarien dokumentiert.

Auf dem BMW Trainingsgelände am Münchener Flughafen bietet das Unternehmen seit einiger Zeit auch spezielle Fahrertrainings für Frauen an. Frauen können hier Sicherheit gewinnen, sich einen sportlichen Fahrstil aneignen oder einfach nur "Lustgewinn" erzielen. Auch die Trainerinnen sind Frauen.

Roggs 11-teilige Werkgruppe gruppiert eine Serie Porträts von "Fahrerinnen" um den Ort des Trainings, die verschiedene psychische Zustände während der Fahrt durchleben: die verzweifelte, angstvolle, begeisterte, hoffnungsvolle, erwartende Suche nach der "Freude am Fahren".

 

Der in Belfast geborene Paul Seawright beschäftigt sich mit dem Thema der Stadt als Ort gesellschaftlicher Konflikte. Für die AutoWerke visualisiert Seawright seine Erfahrungen als Beifahrer in einem BMW Polizeiwagen im Südafrika der Mandela-Ära. Die Fahrzeuge sind den Fahrern in ihrer gefährlichen und ungeordneten Umgebung Statussymbol und Objekt des Stolzes. Für den Künstler, der die Polizisten zwei Wochen lang auf dem Rücksitz begleitete, war das Auto wörtlich Vehikel in eine fremde Welt.

Die entstandenen Aufnahmen zeugen von urbaner Kriminalität. Das Fehlen spezifischer Verortungsmerkmale löst die Opfer, aber auch den Betrachter, von Ihrer Ortsgebundenheit und stellt die Details der Gewalt in einen allgemeineren Kontext: den der von ihm so bezeichnenten "bösartigen Landschaft", derer Topographie Seawright in seiner Arbeit nachzugehen sucht.

 

Der Schweizer Beat Streuli, Jahrgang 1957, verstärkt in seinen Arbeiten die Attribute einer spontanen "Momentaufnahme". Seine Bilder zeigen Passanten in Bewegung und zeugen von der Faszination des Künstlers für den kontinuierlichen Strom und das pulsierende Sich-Mischen der Menschenmengen in urbanen Situationen. Streuli schafft Bilder, die zugleich intim und distanziert scheinen. Durch den Einsatz eines Teleobjektivs in den Aufnahmen oszilliert sie für den Betrachter zwischen dem Eindruck der Unmittelbarkeit und der Distanz.

Auch in den für die AutoWerke entstandenen Arbeiten zeigt sich diese Uneindeutigkeit. Der BMW taucht in den Strassenszenen des Künstlers als Element einer alltäglichen Lebenswelt in Australien, Asien und Europa auf. Das Fahrzeug dient als verbindendes Motiv ähnlich erscheinender Orte, welches sich zwischen den visuellen Codes der Werbefotografie und dem Schnappschuss zu bewegen scheint.

 

Wie bei einem Langzeitprojekt dokumentiert Thomas Struth, geboren1954, in den europäischen, amerikanischen und japanischen Metropolen Straßen als urbane, von Menschen gestaltete architektonische Situationen. Für die AutoWerke wählt Struth zwei Fotoarbeiten. Eine Farbfotografie zeigt den Blick in eine unspektakuläre Straße abseits der touristischen Wege im chinesischen Viertel von San Francisco. In der visuell komplexen Situation bleiben Elemente der Bildkomposition inhaltlich unerschlossen und fremd, wie die Bedeutung des roten, über die Straßen gespannten Banners oder der chinesischen Schriftzeichen auf den Reklameschildern der Fassaden. Die kaum frequentierte Straße erscheint als wiedererkennbarer, identitätsstiftender "Gemeinplatz".

Die Fotoarbeit "El Capitain" greift Elemente der romantischen Bildtradition auf und läßt den Eindruck entstehen, als stelle sich der Naturliebhaber der Naturgewalt im Park, einer wiederum durch die Straßen domestizierten Natur.

Der öffentliche, für alle zugängliche und erschlossene Naturpark ist "Gemeinplatz" und "unbewußter Ort", reich an Spuren.

 

Ausgehend von seinen trendsetzenden Arbeiten für die Printmedien, schaffte Wolfgang Tillmans, geboren 1968, für die AutoWerke sehr konzentrierte, detailreiche Nahaufnahmen von wasserbenetzten Karosserieoberflächen.

In seiner Kindheit hatte Tillmans Gelegenheit, mit seinen Eltern auf Familienurlaubsfahrt Bayern und Österreich zu bereisen und dabei auch den BMW Hauptsitz in München kennenzulernen. Seine Arbeiten für die AutoWerke brachten Tillmans nach München zurück, wo er spontan Fotografien von irisierenden Wassertropfen auf farbintensiven Lackierungen anfertigte. Die Aufnahmen verbinden abstrakte Oberflächenästhetik mit einem intuitiven Produktionsansatz, der flexibel Orte und Stimmungen einbezieht. Die Resultate sind drei sensible Meditationen über Licht, Form und Farbe, die sich dem Betrachter in Ihrer Körperlichkeit geradezu sinnlich erschließen.

 

Für das Projekt der AutoWerke recherchierte Alexander Timtschenko mit Unterstützung des BMW Filmarchivs zum Thema "Film Stills". Diese sind hier Animationsbilder, Lifestyle-Vorbilder, durch die verschlüsselt Pathosformeln unserer Kultur, Zeitstimmungen, ästhetische Leitbilder erkennbar werden. Sie funktionieren als kollektiver Indikator gesellschaftlicher Werte, d.h. sie thematisieren als Versatzstücke der Medienwelt unserer Wahrnehmung und Ethik.

Der Serie liegt eine komplexe Methode der Bild(er)findung zugrunde: Die reale, zunächst von einer Filmkamera aufgezeichnete Szene wird Matrix für Neukomposition in Annäherung an die Malerei. Timtschenkos computergenerierte Bilder schaffen eine perfekte Welt der Illusion und bieten durch die Offenheit der Bildaussagen und die unlösbaren Fragen nach dem Wahrheitsgehalt der Bilder dem Betrachter spielerisch Gestaltungsmacht und eröffnen neue Wahrnehmungspotentiale.

 

Die 1963 geborene Engländerin Gillian Wearing, Trägerin des angesehenen Turner Preises 1998, trat über Anzeigen in Kontakt mit US-amerikanischen Besitzern eines BMWs. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden Kombinationen von Porträts und handschriftlichen Texten, die auf Siebdruck reproduziert wurden, welche die innige Verbindung der Besitzer mit ihrem Fahrzeug widerspiegeln.

Die Verbindung von Text und fotografiertem Bild, die schon in frühen Arbeiten von Wearing untersucht worden war, ist Zeugnis für die weitverbreiteten materiellen und symbolischen Werte, für welche die Marke BMW steht.

 

Begleitend zur Ausstellung erscheinen zwei Katalogbücher (amerikanischer und deutscher Teil) mit zahlreichen Abbildungen und Texten im Hatje Cantz Verlag. Autoren: Joshua Decter, Jone Elissa Scherf, Dirk Snauwaert.